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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Zigeuner

Land nannten als ihre Heimat übereinstimmend die Banden, die 1418 in der Schweiz, 1422 in Italien und 1427 vor Paris erschienen. In niederländ. Urkunden aus dem 15. Jahrh. werden wiederholt Könige und Grafen von Kleinägypten erwähnt. Daher führen bei vielen Völkern die Z. Namen, die auf Ägypten hinweisen. In Spanien hießen sie früher Egypcianos oder Egipcianos, jetzt ebenso wie in Portugal Gitanos, in England im 16. Jahrh. Egipcions, jetzt Gypsies, in alten holländ. Urkunden Egyptiërs, Egyptenaren, Egiptenaers, Giptenaers, daneben auch Heidenen, Heidens, wie jetzt allein; die Franzosen nannten sie früher Égyptiens, jetzt Bohémiens oder Zinganes; die Griechen nennen sie Γύφτοι (Gifti), die Albanesen Evgít, und in Ungarn ist noch jetzt die Bezeichnung Pharaó népe («Volk Pharaos») gebräuchlich. Unter Kleinägypten ist möglicherweise, wie Hops vermutet, der Peloponnes zu verstehen, wo am Ende des 15. Jahrh. deutsche Reisende Z. bereits fest angesiedelt fanden. Nächst der ägypt. Hypothese war keine allgemeiner als die tatarische. In Deutschland war die Bezeichnung Tataren oder Tartaren für Mongolen lange gebräuchlich, und als die Z. zuerst nach Deutschland kamen, glaubte das Volk, die Mongolen seien wiedergekommen, und nannte sie Tataren. Auf dem gesamten Gebiet des Niederdeutschen und Friesischen hat sich in mancherlei dialektischen Varietäten der Name Tatern für Z. erhalten, und er ist von dort nach Dänemark und Schweden, ja zu den Finnen gewandert.

Das Rätsel ihrer Herkunft wurde erst gelöst, als man daran ging, ihre Sprache zu untersuchen. Nachdem Rüdiger 1782 und Grellmann 1783 die richtige Spur gefunden hatten, erwies Pott 1844 streng wissenschaftlich, daß die Sprache der Z. eine indische sei. Näher begrenzt hat ihre Heimat Miklosich. Er zeigte 1878, daß das Zigeunerische der nordwestlichsten Gruppe der arisch-ind. Sprachen angehört, den Sprachen der Darden, Kafiristans und der Stämme im Hindukusch. Lange glaubte man, den Anfang ihrer Geschichte in Indien selbst nachweisen zu können. Der pers. Epiker Firdusi, der um 1000 n. Chr. lebte, erzählt in seinem Schahname, daß der pers. König Bahram Gur (um 420 n. Chr.) von dem ind. Könige Schankal von Kanaudsch sich 10000 Lūrīs erbat, damit sie durch ihre Kunst im Lautenspiel seine armen Unterthanen erfreuten. Die Lūrīs verschwendeten ihren Weizen und verkauften die Kühe und waren bald ganz mittellos. Da befahl ihnen Bahram Gur zornig, mit ihren Eseln durch sein Land zu wandern und sich durch Gesang und Instrumentalmusik zu ernähren. Die Lūrīs, sagt Firdusi, wandern jetzt gemäß diesem Befehle in der Welt umher, indem sie Beschäftigung suchen, sich zu Hunden und Wölfen gesellen und auf der Landstraße Tag und Nacht stehlen. Dieselbe Geschichte erzählt außer andern pers. Schriftstellern auch der arab. Geschichtschreiber Hamsa al-Ißfahani, der ein halbes Jahrhundert vor Firdusi lebte. Lūrī oder Lūlī aber ist der Name, den noch jetzt die Z. vorzugsweise in Persien führen, und trotz der märchenhaften Einkleidung der Geschichte ist es kaum zu bezweifeln, daß im 5. Jahrh. ein Trupp Z. aus Indien nach Persien kam, womit aber nicht gesagt ist, daß gerade diese die Ahnen der europäischen Z. sind. Das aber hat man vielfach angenommen. Hamsa nennt die ind. Musikanten Zoṭṭ, ein Name, der arabisiert ist aus Jaṭṭ (spr. Dschatt), und deshalb hat man die Z. für Jaṭs erklärt, d. h. für das Volk, das den ältesten und wichtigsten Bestandteil der Bevölkerung des südl. Pandschabs ausmacht. Die Geschichte dieser Jaṭṭ und damit, wie man meinte, die der Z. hat dann der gelehrte holländ. Arabist de Goeje vom 7. Jahrh. an aus arab. Quellen verfolgt. Seitdem durch O’Brien 1881 die Sprache der Jaṭ, das Jaṭkī oder Multānī, genauer bekannt geworden ist, weiß man, daß Jaṭs und Z. ganz verschieden sind, und der Bericht über den Census des Pandschabs 1881 von Ibbetson (3 Bde., Lahaur 1883) ergiebt, daß ganz andere Stämme des Pandschabs als die Jaṭs den Anspruch auf Zigeunertum erheben können, namentlich die Sānsi und die Tschangar. Die Tschangar haben schon Rienzi (1832) und Trumpp (1872) mit den Z. identifiziert, und es ist nicht zu leugnen, daß sich in ihrer Sprache Anklänge an den Sprachschatz der Z. und der Dialekte von Kasiristan finden. Außerdem stimmt der Name Tschangar auffallend zu der ältesten lat. Form des Namens Z., nämlich Zingari, so daß ein näherer Zusammenhang zwischen Tschangars und Z. nicht ausgeschlossen ist. Der Name Z. selbst ist seiner Herkunft nach noch ganz dunkel. Er lautet bei den Türken Tschinghiane, rumänisch Cigánu, ungarisch Czigány, bulgarisch Ciganin, litauisch Cigénas, italienisch Zingaro und Zingano u. s. w. Die ältesten Chronisten nennen sie lateinisch Secani, Cingari, Zingari, vulgariter «Cigäwnär», im Deutschen Ziginer, Zigeiner, Zegeiner, niederdeutsch Suyginer, Zigöner u. s. w. Sie selbst nennen sich Rom (Femininum Romni), im Plural auch Rómani tschāve, d. h. «zigeunerische Kinder». Rom heißt «Schwarm», «Stamm» und läßt sich reichlich aus Dardudialekten belegen. Andere von den Z. selbst gebrauchte Namen sind Rómani tschēl (tschal, sal, säl) und besonders Sinte oder Sinde, auch Manusch (Mensch), Kāle oder Mellĕle (Schwarze).

Die älteste Erwähnung der Z. in Europa ist die im Itinerarium des Franziskanermönches Simon Simeon, der 1322 die Insel Kreta besuchte und dort ein Volk fand, das seiner Schilderung nach nur Z. gewesen sein können. Hopf hat urkundlich nachgewiesen, daß es jedenfalls vor 1346 Z. auf Korfu gegeben hat. Um 1370 finden sich Z. auf der epirotischen Küste gegenüber von Korfu, teils umherschweifend, teils fest angesiedelt; um 1398 bestätigte der venet. Statthalter der griech. Kolonie Nauplion, Ottaviano Buono, den dortigen Acingăni, d. h. Z., speciell ihrem Häuptling Johann, die Privilegien, die ihm seine Vorgänger verliehen hatten. Damals müssen also die Z. schon geraume Zeit im Peloponnes gesessen haben. Auch in der Walachei waren bereits im 14. Jahrh. Z. ansässig. Die böhm. Annalen erwähnen das Auftreten der Z. zuerst 1416. Daß sie aber dort schon früher vorhanden waren, beweist, daß in den Gerichtsakten der Herren von Rosenberg vom J. 1399 gesagt wird, daß unter einer Räuberbande, die damals im südl. Böhmen ihr Unwesen getrieben hatte, sich auch ein «schwarzer Z.» befand. In Deutschland lassen sie sich, wie erwähnt, zuerst 1417 nachweisen. Ihre Anführer nannten sich «Herzoge» und «Grafen» und wiesen Schutzbriefe des Kaisers Sigismund vor. Sie fanden in vielen Städten freundliche Aufnahme und reichliche Unterstützung. Bald aber erkannte man sie als Diebe und Betrüger; viele wurden gefangen und gehenkt. In Italien zeigten sie sich zuerst 1422 vor Bologna, in Spanien 1447 in Barcelona, in den Niederlanden 1420 in Deventer; in Polen und