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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Pietra dura – Pigafetta

Bußkrampf und Gnadendurchbruch wurden Schlagworte dieses deutschen Methodismus. In den Verkehr mit Gott mischte sich ein süßlich-mystischer Ton. Die Gefühlsfrömmigkeit erstarrte zur Schablone. Die objektive Heilsgewißheit des Erlösten verschwamm in lauter innern Erfahrungen und Erlebnissen; ein stetes Jammern über die gottlose Welt ging Hand in Hand mit der Vernachlässigung gründlicher wissenschaftlicher Studien. Auch an krankhaften Verirrungen fehlte es nicht. Als der Pietismus hoffähig geworden war, gefährdete er sogar die Denk- und Lehrfreiheit; so wurde der Philosoph Wolf (s. d.) hauptsächlich durch ihn aus Halle verdrängt. An den kleinen Höfen von Wernigerode, Saatfeld u. s. w. feierte er seine glänzendsten Triumphe, bis endlich die Aufklärungszeit anbrach. Von der Mitte des 18. Jahrh. an verblaßte er mehr und mehr und flüchtete sich zuletzt in kleine Gemeinschaftskreise der «Erweckten» und «Separatisten». Während der Herrschaft des Nationalismus verband er sich mit den Resten der alten Orthodoxie, um dann im 19. Jahrh. unter dem Schutz der Restauration neu gestärkt hervorzubrechen und die in den Freiheitskriegen neugeborene evang. Frömmigkeit in Besitz zu nehmen. Seitdem ist der Unterschied zwischen Pietismus und Orthodoxie fast verschwunden. Im gemeinsamen Kampfe gegen die freiern kirchlichen und theol. Bestrebungen finden sich die «Konfessionellen» und «Positiven» zusammen, namentlich in Preußen. Anderwärts, wie z. B. in Württemberg, wo der Pietismus volkstümlich geworden, in vielen kleinen Gemeinschaften lebt und von «Stundenhaltern» gepflegt wird, ohne zu polit. Macht gelangt zu sein, hat er sich in seinem ursprünglich religiösen Charakter reiner erhalten und ist dort günstiger Boden für Sektiererei. Die Ausartungen des Pietismus werden als «Muckerei» bezeichnet. In der einseitigen Betonung des religiösen Gefühls und in der Zurückstellung Gottvaters hinter den Gottessohn ist er von dem Herrnhutertum der Brüdergemeine (s. d.) überboten worden.

Vgl. Märklin, Darstellung und Kritik des modernen Pietismus (Stuttg. 1839); Tholuck, Geschichte des Pietismus (Berl. 1865); die Werke zur Geschichte des Pietismus von H. Schmid (Nördl. 1863); Hoppe (Leid. 1879), Ritschl (3 Bde., Bonn 1880‒86); Sachße, Ursprung und Wesen des Pietismus (Wieso. 1884); Frank, Mysticismus und Pietismus im 19. Jahrh. (im «Histor. Taschenbuch», 1887)

Piētra dura oder Musaico in P. d. (ital., «Mosaik in hartem Stein») nennt man die in Florenz im 17. Jahrh. gefertigte Art Mosaik (s. d.) aus buntfarbigen, in breiten Flächen verwendeten Steinen.

Piētraperzĭa, Stadt im Kreis Piazza Armerina der ital. Provinz Caltanissetta auf Sicilien, hat (1881) 11284 E., normann. Zinnenfestung und Handel mit Schwefel, Gips, Lapis Lazuli, Getreide und Mandeln.

Piētrasanta, Stadt in der ital. Provinz und im Kreis Lucca, unweit der Küste, an der Bahn Genua-Pisa, hat (1881) 3951, als Gemeinde 14382 E., alte Mauern, ein zinnengekröntes Rathaus von 1346 und die Hauptkirche San Martino mit Campanile von 1380. In der Nähe sind Quecksilbergruben.

Piētro, Guido da, ital. Maler, s. Fiesole.

Pietsch, Ludw., Schriftsteller und Zeichner, geb. 25. Dez. 1824 zu Danzig, bildete, sich auf der Berliner Akademie und im Atelier des Porträtmalers Otto zum Maler aus, ging aber später zum Zeichnen für illustrierte Blätter und Bücher über und schrieb seit 1858 für die «Spenersche Zeitung» die Kunstberichte. 1864 wurde er Mitarbeiter der «Vossischen Zeitung» für Kunstkritik, Gesellschaft und Reisen; 1867 ging er für diese Zeitung als Berichterstatter über die Weltausstellung nach Paris, 1869 für die «Vossische» und die «Schlesische Zeitung» im Frühling nach Athen und Konstantinopel, im Herbst nach Ägypten zur Eröffnung des Sueskanals, 1870 für beide Zeitungen nach Frankreich, wo er im Hauptquartier des Kronprinzen von Preußen als Zeichner und Berichterstatter verweilte. Seitdem unternahm er jährlich, oft für beide Blätter, die er während seines Berliner Aufenthaltes mit regelmäßigen Kunstreferaten, Berichten aus dem Gesellschaftsleben und ähnlichen, stets durch einen flüssigen und anmutig plaudernden Stil ausgezeichneten Skizzen versorgt, weite Reisen, so 1876 zu den offiziellen Ausgrabungen nach Olympia, 1877 mit der deutschen Gesandtschaft nach Marokko, 1878 und 1889 zu den Pariser Weltausstellungen, 1889‒91 zu den Sommerfahrten des Deutschen Kaisers Wilhelm Ⅱ. nach Rußland, Italien, England, Athen und Konstantinopel u. s. w. Er veröffentlichte «Aus Welt und Kunst» (2 Bde., Jena 1866), «Orientfahrten» (Berl. 1870), «Von Berlin bis Paris» (ebd. 1871), «Marokko» (Lpz. 1878), «Wallfahrt nach Olympia» (Berl. 1879), «Die Klause» (ebd. 1889), «Geschichte des Vereins Berliner Künstler» (ebd. 1891), «Wie ich Schriftsteller geworden bin» (2 Bde., ebd. 1892 u. 1894) u. a. ^[Spaltenwechsel]

Pietschmann, Richard, Orientalist, geb. 24. Sept. 1851 in Stettin, studierte zu Berlin und Leipzig Orientalia und Erd- und Völkerkunde, widmete sich dann dem Bibliotheksfach und ist seit 1888 Bibliothekar an der Universitätsbibliothek zu Göttingen und seit 1890 ebenda Professor für Ägyptologie und altorientalische Geschichte. Er veröffentlichte u. a.: «Hermes Trismegistos nach ägypt., griech. und orient. Überlieferungen» (Lpz. 1875) und «Geschichte der Phönizier» (in Onckens «Allgemeiner Geschichte in Einzeldarstellungen», Berl. 1889); ferner deutsche Bearbeitungen von G. Maspero, «Geschichte der morgenländ. Völker im Altertum» (Lpz. 1877) und G. Perrot und Ch. Chipiez, «Geschichte der Kunst im Altertum. Ägyppten» (Lpz. 1884).

Piēve di Cadore, ital. Stadt, s. Cadore (Pieve di).

Piēve di Cento, ital. Stadt bei Cento (s. d.).

Piëzoelektricität (grch.), die Eigenschaft der Krystalle, durch Druck an verschiedenen Stellen entgegengesetzt elektrisch zu werden. Dieselbe ist insbesondere von J. ^[Jacques] und P. Curie (1883), nachher von Voigt u. a. studiert worden. Die Erscheinungen lassen sich ebenso wie jene der Pyroelektricität (s. d.) durch Bestäuben mit Schwefel-Mennigepulver nach dem Kundtschen Verfahren sichtbar machen. Die Tafel: Elektricität, Fig. 7 zeigt ein piezoelektrisches bestäubtes Quarzplättchen. – Vgl. Voigt, Allgemeine Theorie der piezo- und pyroelektrischen Erscheinungen an Krystallen (Gött. 1891).

Piëzomēter (grch.), s. Kompressibilität.

Pifferāri (ital., von piffero, Schalmei), die um Weihnachten nach Rom kommenden Hirten, welche, in Erinnerung an die Hirten von Bethlehem, vor den Madonnenbildern spielen.

Piffĕro, Musikinstrument, s. Schalmei.

Pigafetta, Antonio, der Gefährte Magalhães’ auf dessen Entdeckungsreise, geb. um 1491 in Vi- ^[folgende Seite]